Posted by on Feb 17, 2017 in Allgemein | 1 Kommentar

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Der 4 jährige „Ambato“ bei der Longenarbeit

Die Vorbereitung:
In meiner Arbeit als Osteopathin und Trainerin treffe ich auf die unterschiedlichsten Pferde und deren Besitzer. Wenn ich zu einer osteopathischen Behandlung gerufen werde, finde ich sehr oft Pferde vor, die als „Reitpferd“ nicht wirklich gelernt haben, sich richtig unter einem Reiter zu bewegen.
Betrachten wir uns hierzu erstmal das Pferd ungeritten. Wie es sich bewegt, wie die Last-verteilung ist.
Wenn es entspannt auf der Weide grasen kann hat es die beste Möglichkeit gesund zu bleiben. Hier kann es sich frei bewegen. Die Bewegung fördert die Durchblutung. Die Muskeln bekommen folglich genügend Sauerstoff. Durch das stetige schlendern über die Weide, mit dem Kopf nach unten, wird die Rückenlinien stetig gedehnt.
Durch das rupfen des Grases wird die Nackenmuskulatur bewegt und bleibt geschmeidig. Das umherwandern bewegt alle weiteren Muskeln. Bei dieser Bewegung läuft das Pferd die ganze Zeit auf der Vorhand, trotzdem werden die Gelenke der Vorhand so nicht überlastet. Hier könnte ich natürlich jetzt noch schreiben, wieso, weshalb warum, nur ganz kurz: zum einen, weil die Muskulatur in ständiger Bewegung ist und zum anderen weil sie in ihrer natürlichen Bewegung ist.
Leider gibt es diesen Idealfall so nicht. Vielleicht ansatzweise in den Sommermonaten aber unsere Weiden sind natürlich viel zu klein und vor allem viel zu fett!
Muss ein Pferd flüchten, kann es von jetzt auf hier lossprinten. Wittert das Pferd Gefahr, hebt es den Kopf, die Muskulatur gerät unter Spannung. Der Rücken wird weggedrückt. Die Last fällt dabei erneut auf die Vorhand. Bei der Flucht wird mit beiden Hinterbeinen nun der Körper nach vorne gestoßen, der Rücken wird lang gestreckt, die Hinterbeine ziehen weit unter den Bauch, die Zehen der Hinterhand greifen tief in den Boden, die Hinterhand senkt sich tief um dann den Körper wieder mit voller Kraft nach vorne zu stoßen.
Also nix mit losgelassen und so. Vielleicht rührt es aus dem Fluchtinstinkt des Pferdes heraus, das der Galopp oft die größte Herausforderung in der Ausbildung zum Reitpferd ist.
Da wir aber wie gesagt diese idealen Bedingungen nicht haben, ist es wichtig unsere Pferde regelmäßig zu bewegen.
Nun zurück zur Ausbildung vom Pferd zum Reitpferd!
Die Ausbildung soll das Pferd schützen, damit es sich nicht „kaputt“ steht. Denn auch unsere Offenstall- und Trailpaddock-Pferde haben deutlich zu wenig Bewegung!
Je weniger ein Pferd sich bewegt, umso mehr hängt der Rücken langfristig durch.

Also ran an die Ausbildung um ein Pferd zu bekommen, das sich selbst und später auch seinen Reiter tragen kann!
Wie wir alle wissen ist ein Pferd von Natur aus Vorhandlastig. Es liegt an seiner Anatomie. Die meisten inneren Organe liegen im vorderen Teil. Hals und Kopf stellen eine zusätzliche Last im vorderen Bereich da.
Schief ist es obendrein auch noch. Wir müssen es also schaffen, dieses Ungleichgewicht der Vorhandlast und die natürliche Schiefe auszugleichen. Ganz kurz Schiefe bedeutet: Das Pferd läuft mit den Hinterbeinen leicht seitlich am Körper vorbei, so kann keine Lastaufnahme der Hinterhand erfolgen. Das sieht man sehr gut, wenn jemand das Pferd Geradeaus führt und selbst von Hinten schaut.
Pferde sind genau wie wir Rechts- bzw. Linkshänder. Dies ist unabhängig von der natürlichen Schiefe zu betrachten. Ist für die Ausbildung jedoch wichtig zu wissen, ob mein Pferd Links- oder Rechtshänder ist und welches die hole Seite beim Pferd ist. Die händige Seite ist die auf der das Pferd vermehrt belastet. Die hohle Seite ist diejenige, wo die Muskulatur letztlich verkürzt ist, folglich die mit der „Krümmung“.
Wollen wir nun beginnen ein Pferd auszubilden, müssen wir die eben genannten Kriterien in unsere Ausbildung einbeziehen. Also nicht mehr wundern, wenn ein Pferd z.B. in einer Volte, auf der händigen Seite ausbricht. Bsp.: Das Pferd ist Rechtshänder, also wird es auf der rechten Hand in der Volte dazu tendieren sich auf die innere Schulter zu stützen und in die Volte zu drücken. Auf der linken Hand, wird es sich auf die äußere rechte Schulter fallen lassen und versuchen über diese nach außen wegzuziehen.
Ein schiefes Pferd kann einfach nicht Taktrein gehen, deshalb müssen wir es gerade Richten!
So nun habt ihr schon mal einige grobe Zusammenhänge in Kurzform.

Um aus einem Pferd ein Reitpferd zu machen, bedarf es einer guten Vorbereitung durch Longen- und Bodenarbeit. So kann es Kondition und Muskulatur aufbauen. Mensch und Pferd lernen sich besser kennen und es entsteht ein Vertrauensverhältnis, wenn WIR uns bemühen!
Bevor ich mit dem Longieren beginne, lernt das Pferd an der Hand im Schritt über die Hinterhand anzutreten und genauso auch wieder zu halten. Dann beginne ich auf einer gebogenen Linie das Pferd in Stellung zu führen. Hat es diese beiden Übungen verstanden, beginne ich damit dem Pferd zu vermitteln, wie es sich auf einer Kreislinie bewegen kann, ohne sich auf die innere Schulter zu stützen.

Zum longieren benutze ich sehr gerne Gassen und Pylonen, dies erleichtert Pferd und Mensch die Arbeit ungemein. Ich verknüpfe nun die beiden vorab erlernten Übungen. Anfangs bin ich noch sehr nahe am Pferd, damit ich schnell helfen kann, wenn das Pferd aus dem Takt gerät oder auf die innere Schulter fällt. Longieren bedeutet für ein Pferd eine wirklich große Herausforderung, denn wir wollen, dass es sich auf der Kreislinie nach Innen biegt und sich dabei nicht auf die innere Schulter fallen lässt und auf der Vorhand läuft. Wir fordern folglich etwas von unserem Pferd, was es so in der freien Natur nicht machen würde.

Kann das Pferd sich im Schritt sicher auf der Kreislinie bewegen, sprich es hat verstanden über die Hinterhand aktiv Last aufzunehmen, den Rücken aufzuwölben, die innere Schulter anzuheben und dabei losgelassen, raumgreifend und im Takt zu gehen, fange ich an, das Pferd vorsichtig antraben zu lassen, ohne das es all das erlernte im Trab verliert. Dies geht am besten, wenn man wieder neben dem Pferd geht, es ermuntert anzutraben und sobald es übereilt oder auf die Vorhand fällt wieder in den Schritt zu holen. Klappt das antraben gut, gehe ich erstmal im Trab weiterhin nebenher. Hier wieder das gleiche, durchparieren, wenn das Pferd schneller wird oder auf die Vorhand fällt. Dies funktioniert am besten in einem sehr langsamen Tempo. (Das bedeutet nicht latschen, sondern langsam Traben mit aktiver Hinterhand)!
Kann das Pferd sich auch im Trab losgelassen und im Takt tragen, beginne ich nun die Trittlänge der Hinterhand zu verlängern.
In dieser ganzen Phase beginne ich parallel am Boden mit Seitengängen, Rückwärtsrichten, Halten etc. Dies gibt dem Pferd zusätzlich ein besseres Körpergefühl. All diese Übungen wirklich langsam und logisch für das Pferd aufbauen.
Auf der Geraden nehme ich in dieser Phase auch schon Stangen hinzu. Die Stangenarbeit kräftig ebenfalls die Bauch- und Hinterhand Muskulatur.
Ist das Pferd nun im Schritt und Trab sicher, beginne ich fließende Handwechsel und mit dazu zu nehmen. Die Wechsel anfänglich natürlich im Schritt. Später im Trab. Nun kommen Stangen und Cavalettis auch auf gebogenen Linien dazu.
Die Seitengänge kommen nun im Trab dazu. Erstmal ein zwei Tritte und dann wieder Pause.
Je besser all diese Übungen klappen, umso gerader wird das Pferd, denn je gerader Gerichtet es ist, umso taktreiner und raumgreifender kann es laufen. Wichtig ist immer wieder zu schauen, setzt mein Pferd das innere Hinterbein korrekt unter den Körperschwerpunkt, tritt das Äußere Hinterbein in die Spur des Äußeren Vorderbeines, hebt es seine innere Schulter an, wölbt es den Rücken auf und ist dieser in Bewegung? Kann ich das alles mit ja beantworten, bin ich auf dem richtigen Weg. Und eines sage ich euch der Weg ist lang!
Nun kommt der Galopp hinzu. Genau wie vorher im Schritt und Trab, erstmal nur angaloppieren üben. Ebenfalls wieder aus einem gesetzten, ruhigen Trab. Wenn ein Pferd sich beim angaloppieren mal besonders aufregt. habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht, direkt nach dem angaloppieren in den Schritt parieren, dann halten, einmal beide tief ein und ausatmen und beim nächsten ausatmen des Pferdes, dieses wieder angehen lassen. Beruhigt beide ungemein!

Viele Pferde atmen genau wie wir falsch. Halten die Luft an beim Angehen, besonders in die nächst höhere Gangart. Kann man trainieren.
Halten ein und ausatmen ruhig einige Male. Dann das Pferd wieder angehen lassen, wenn das Pferd ausatmet. Dazu sollte der Kopf leicht angehoben und das Genick geöffnet sein, damit die Luft gut einströmen kann und wieder raus. Es bedarf etwas Geduld aber es zahlt sich aus.

Beim Galopp bleibe ich wieder anfänglich recht dicht neben dem Pferd, um schnell helfen zu können, wenn es übereilt etc. Kann das Pferd auf der Kreislinie ruhig und sich tragend galoppieren, können Stangen hinzugenommen werden. Auch hier ist weniger erstmal mehr…logisch gell?!
Spätestens jetzt sind beide gut trainiert! Unsere Beziehung hat sich mit Sicherheit gefestigt und wir können den nächsten Schritt wagen.

Wir beginnen nun das Pferd an den Sattel oder Longiergurt zu gewöhnen. Erstmal schauen wie reagiert es, wenn ich die inneren Organe einschnüre. Ich weiß hört sich gemein an, ist aber so. Noch eines: Natürlich solltet ihr einen passenden Sattel und später auch eine Trense mit passendem Gebiss parat haben. Ihr könnt auch Gebisslos beginnen. Ich mache es immer vom Pferd abhängig, ob mit oder ohne Gebiss, ob anfänglich erstmal Gurt oder gleich Sattel.
Hier wieder getreu dem Motto: Weniger ist mehr! Lasst euch Zeit mit dem Satteln, schaut auf die Reaktion des Pferdes. Akzeptiert das Pferd den Gurt oder Sattel, geht ihr wieder auf eure Kreislinie und beginnt erneut mit dem Führen im Schritt.
Ich arbeite in der Regel erst ganz normal vom Boden aus, nehme den Sattel mit und lege ihn am Ende auf den Rücken des Pferdes und arbeite dann wie gewohnt weiter nur halt mit dem Sattel darauf. Vorab haben wir natürlich mit dem Sattel nur kurze Sequenzen geübt und allmählich gesteigert.
Die Zügelführung beginne ich vom Boden mit dem Kappzaum. Ich übe nun langsam all das, was es vorab schon am Kappzaum gelernt hat, nur das ab jetzt eine Beidseitige Führung durch den Zügel gegeben ist.

Im Grunde verfahre ich genauso, wie vorher an der Longe. Erst Sicherheit im Schritt, dann nehme ich den Trab dazu. Bei manchen Pferden geht sogar in dieser Phase auch der Galopp an der Hand.
Erst jetzt beginne ich damit, dass Pferd mit dem Reitergewicht zu konfrontieren. Ok manchmal auch schon, wenn die Pferde im Galopp noch nicht ganz sicher sind, dann läuft beides parallel.
Das erste Mal auf den Pferderücken Last geben, ist immer ein sehr sensibler Moment, finde ich persönlich jedenfalls. Hier sollte man die Gewöhnungsphase ganz behutsam und langsam, angehen lassen. Jetzt ganz besonders hinhören, wie euer Pferd auf das Gewicht reagiert. Je einfühlsamer hier mit dem Pferd umgegangen wird, desto geringer sind später die Probleme beim Satteln und Aufsteigen. Alles natürlich immer mit einer Aufstiegshilfe die hoch genug ist, damit ihr nicht in den Bügel treten müsst, um euch über den Sattel zu legen. Ich lege mich die ersten Male am liebsten erstmal ohne Sattel über den Rücken, da spürt man sofort kleinste Verspannungen und kann entsprechend reagieren.
Dann kommt der Moment, wo man das erste Mal Aufrecht sitzt und die ersten Schritte geht. Immer wieder aufregend! Mit oder ohne Sattel kommt immer auf das Pferd an.
Anfänglich wird das Pferd wieder mit dem Reiter geführt, das kennt es ja nun schon recht gut. Das gibt Sicherheit und es ist mit dem Menschen da oben auch weniger schlimm. Es wird sich wieder gesteigert. Lasst euch wirklich nur kurze Sequenzen führen und steigert die Zeit, die ihr im Sattel sitz nur langsam. Macht längere Pausen bei den ersten Malen.
1-2 Tage Pause sind schon gut für den Rücken. Dazwischen wieder longieren und Bodenarbeit oder Pause.

Ich nutze das Longieren und die Bodenarbeit nicht nur zum anreiten eines Pferdes. Ich nutze sie bei Pferden mit sogenannten Rittigkeitsproblemen und bei Reha Pferden. Denn wenn wir richtig Longieren, lösen wir damit muskuläre Verspannungen. Verbessern den Bewegungsablauf. Helfen Pferden die psychisch nicht mehr in der Lage sind einem Menschen zu vertrauen. Stärken die Muskulatur. Ein toller Nebeneffekt, Pferd und Mensch lernen sich dabei ganz neu kennen!
Longenarbeit und Bodenarbeit sind für mich die Basis worauf alles Weitere Aufbaut!

Zum Schluss möchte ich euch noch etwas mitgeben!
Ich achte immer auf das jeweilige Pferd, wie es sich bei der Ausbildung verhält. Das Pferd bestimmt das Tempo der Ausbildung. Ich beziehe immer die körperlichen Inbalancen des Pferdes mit ein. Achte auf die Reaktionen und handle entsprechend. Denkt immer daran, kein Pferd widersetzt sich Grundlos! Es gibt immer Gründe, wenn ein Pferd nicht mitmacht. Oft können sie das, was wir von ihnen wollen einfach nicht umsetzen. Vielleicht fehlt ihnen noch die Fähigkeit oder die Muskulatur dafür. Oder wir haben uns unverständlich ausgedrückt. Ich suche erstmal immer den Fehler bei mir. Also schaut genau hin und hört euren Pferden gut zu und seit kritisch mit euch selbst!
Ein Tipp noch: Beschäftigt euch ruhig während der Ausbildung mit der Evolution, der Psyche und der Anatomie des Pferdes, es hilft ungemein!
Der zweite Teil folgt mit der Subline: Kopf runter reicht nicht!

 

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Die ersten Runden auf der 5 jährigen „Tami“